Eigenverantwortung und Mitbestimmung: Wie das Projekt „Ganztag“ den Schulalltag der Rothensteinschule prägt

Wer einen Blick aus der Fensterfront im ersten Stock wirft, kann leicht überwältigt sein: Das Stadtgebiet Meinerzhagens erstreckt sich vor uns, Bäume, Hügel und Horizont bieten die Gelegenheit, das Auge schweifen zu lassen. Zu unseren Füßen fällt der Blick auf Obstbäume, Blumen, Wege zwischen Rasenflächen und Sitzgelegenheiten. 

Wer jetzt denkt, dass wir uns an einem Ort der Ruhe befinden, vielleicht mitten im Grünen, hat sich verkalkuliert. Tatsächlich stehen wir im ersten Stock der Rothensteinschule. Es ist Mittagszeit und wir sind gekommen, um mit Christina Standhaft, Lehrkraft für die Fächer Deutsch, Biologie und Hauswirtschaft zu sprechen. Auch Schulleiterin Christiane Dickhut begrüßt uns zum Termin. Unser Thema: der schulische Ganztag – denn der wird zurzeit in enger Kooperation zwischen Kollegium und Schülerschaft, Elternvertretung und Schulträger neu aufgestellt. 

Ein Projekt, das weit mehr umfasst als die Betreuung in der Mittagszeit: „Tatsächlich“, stellt Projektkoordinatorin Christina Standhaft direkt klar, „ist der Ganztag Teil unserer Schulentwicklung und damit unserer konzeptionellen Ausrichtung.“ Es gehe darum, den gesamten Schultag in sich stimmig zu gestalten – „und dabei spielen die Unterrichtszeiten und -inhalte ebenso hinein wie verschiedene Rahmenbedingungen, zum Beispiel das Schulgebäude und das Außengelände“, ergänzt Christiane Dickhut. Schließlich verbringen die Schülerinnen und Schüler einen wesentlichen Teil ihres Alltags hier deshalb gehe es auch um die Frage, wie sie Schule erleben und wie man eine gute Entwicklung sowohl in lernpädagogischer als auch in sozialer Hinsicht fördern kann.

Alltagsgestaltung mit demokratischen Grundsätzen 

Entsprechend hat Christina Standhaft in den letzten Monaten daran gearbeitet, ein ganzheitliches Konzept zu entwickeln und in die Umsetzung zu bringen. „Dabei haben wir uns um drei wesentliche Säulen gekümmert: die Lebenswelt, also die Frage, wie der Alltag der Schülerinnen und Schüler aussieht, das Thema Partizipation und Demokratiebildung, denn wir wollen die Schülerschaft ja aktiv mit ins Boot holen, und die Sozialraumorientierung. Darin greifen wir die Frage auf, wie die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler tatsächlich aussieht: Wo halten sie sich am liebsten auf, mit wem verbringen sie ihre Zeit und womit beschäftigen sie sich?“

In einer Befragung konnten sich alle Schülerinnen und Schüler spiegeln, welche Punkte ihnen wichtig sind. Christina Standhaft: „Daraus haben wir Schwerpunkte herausgearbeitet – immer in enger Zusammenarbeit mit Schülerinnen und Schülern. Die Ergebnisse wurden wiederum in den Klassenräten und der SV besprochen. So hat sich ein strukturierter Prozess entwickelt, der auf aktive Beteiligung setzt.“

Was sich auf den ersten Blick ziemlich kompliziert anhört, erfüllt einen wichtigen Zweck: Die Schülerinnen und Schüler lernen direkt und greifbar, wie Demokratie funktioniert, und können Entscheidungen mittreffen oder nachvollziehen. 

Schülercafé und bewegte Pause: Paradebeispiele, die der Schulgemeinschaft guttun

Und was hat sich konkret getan? Christina Standhaft: „Ein Punkt betrifft unser Schülercafé. Das hat jetzt an jedem Tag geöffnet und freitags gibt es ein gesundes Frühstück.“ Das Angebot des Schülercafés wird vom Ergänzungskurs der zehnten Jahrgangsstufe erweitert – und hier schließt sich der Kreis: „Indem wir dieses Thema aufgreifen, können wir direkt auch Inhalte zu Ernährung und Gesundheit vermitteln. Die Jugendlichen erledigen die Einkäufe, sie planen die Bedarfe und übernehmen auch die Kasse. Auf diese Weise kommen wir den Wünschen aus der Schülerschaft nach und adressieren noch wichtige Themen.“ Ein spontaner Besuch im Schülercafé zeigt: Der Raum ist jahrgangsstufenübergreifend zum Treffpunkt geworden. Es wird gechillt, gegessen und gequatscht – von Smartphones übrigens keine Spur. 

Es geht weiter in die Turnhalle. Dort wird heute die „bewegte Pause“ angeboten und obwohl der Himmel strahlendblau ist und sich ein guter Teil der Schülerschaft auf dem neu gestalteten Schulgelände aufhält, ist die Turnhalle bestens gefüllt: Über 50 Schülerinnen und Schüler toben, spielen Fußball, turnen und bewegen sich, unterstützt von Sportlehrern und Sporthelfern. „Früher war man in Grüppchen draußen unterwegs“, sagt Christina Standhaft. „Heute schaffen wir Bewegungsmöglichkeiten und Treffpunkte zugleich und das kommt super an.“ 

Blick in die Zukunft: Mitgestaltung wird im Ganztag großgeschrieben

Manche Projekte sind noch in der Pipeline – wie so oft sind trotz des riesigen Engagements der Beteiligten die Kapazitäten begrenzt, aber die Ideen sind da. Dabei geht es um so unterschiedliche Dinge wie mehr Sitzmöglichkeiten im Außenbereich – die der Technikkurs umsetzen könnte -, die Verschönerung von Räumen oder die Überarbeitung des Handykonzepts. Auch Kooperationen mit anderen Einrichtungen, Betrieben oder Vereinen sind denkbar: „Ideen haben wir viele und die Zusammenarbeit mit allen Beteiligten funktioniert wirklich super. Vor allem die Ergänzungskurse der älteren Jahrgänge tragen in der Umsetzung ganz viel bei, aber alle, wirklich alle in der Schulgemeinschaft sind in die Entwicklungen und Entscheidungen eingebunden. Selbst wenn etwas nicht umgesetzt werden kann, wird deutlich, warum das so ist. Und das fördert das Verständnis für Entscheidungen und die Akzeptanz ungemein.“

Als wir nach fast zwei Stunden die Rothensteinschule wieder verlassen und noch einen Blick in den Schulgarten werfen, sind wir erneut etwas überwältigt – jetzt von der Erkenntnis, dass Weitblick nicht nur etwas mit Aussichten, sondern auch mit Einsichten zu tun hat, mit Ideen und ganzheitlichen Ansätzen. Das hat das Ganztag-Konzept sehr deutlich gemacht, und hier dürfen wir für die Zukunft noch einiges erwarten. 

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