Meinerzhagen persönlich

Sie hat ganze Generationen von Kindern und Jugendlichen durch schöne und schwierige Jahre begleitet, sie ist von hier und kennt fast jeden: Silke Stöhr ist Leiterin des Jugendzentrums Meinerzhagen. Seit 33 Jahren sorgt sie gemeinsam mit einem engagierten Team dafür, dass alle sich in „ihren“ vier Wänden wohlfühlen: Kleine und Große, Draufgänger und Zurückhaltende, Kreative und Sportler, Schüchterne und Extrovertierte. Was für ihre Bürotür gilt, gilt ebenso für ihr Ohr, ihren Verstand und ihr Herz: Sie sind immer offen für ihre jungen Gäste. Uns hat sie ebenso herzlich empfangen. Meinerzhagen und ich: die Möglichmacher.

Mit offenen Türen und großem Herz dabei: Silke Stöhr und das Jugendzentrum Meinerzhagen

Es ist ein ganz normaler Mittwochvormittag im Jugendzentrum Meinerzhagen. Auf dem Schreibtisch von Silke Stöhr tummeln sich neben Brille und Kaffeetasse zahlreiche Akten und Notizen, hier und da auch ein selbstgebasteltes Erinnerungsstück. Im Hintergrund zeigt der Bildschirmschoner des Rechners einen Schwarm Fische. Ein typisches Büro wie so viele andere? Ganz und gar nicht. Denn automatisch wird unser Blick von den Bürowänden ringsum angezogen: Wo für gewöhnlich Kalender, Pläne und andere Arbeitshilfen hängen, sind hier Fotos angepinnt. „An die hundert dürften es schon sein“, lacht unsere Gastgeberin. Sie strahlt, wenn sie auf die Bilder schaut, denn die Fotos zeigen „ihre“ Kinder: junge Menschen, die im Jugendzentrum über die Jahrzehnte ein- und ausgingen. Manche Bilder sind ganz neu, andere zeugen deutlich von Jugendmode und Coolness der 80er und 90er Jahre. Alle jedoch vermitteln eine Wärme, die Silke Stöhr hinter ihrem Schreibtisch widerspiegelt.

Überhaupt: Im Jugendzentrum fühlt man sich sofort willkommen. Das liegt zum einen an der Offenheit, an den liebevoll eingerichteten Räumen und natürlich bereits am ersten Eindruck, den Sport- und Spielgeräten auf dem Hof vor dem Haus. Vor allem aber liegt es an der freundlichen Atmosphäre, die den Besucher auch in dem altehrwürdigen Gebäude sofort umfängt. „Das Haus ist über hundert Jahre alt – früher war hier die Nordschule untergebracht“, erklärt uns Silke Stöhr. „Für uns ist es mit seiner Größe, Lage und Ausstattung genau richtig.“

Seit Jahrzehnten eine feste Einrichtung

Gut gelaunt erzählt sie, wie das Jugendzentrum hier, Am Schulplatz, landete – denn sie selbst war vor über dreißig Jahren schon dabei und erinnert sich, wie es damals war: Zu dieser Zeit war das Jugendzentrum noch in einem baufälligen Haus untergebracht, und Silke Stöhr war als Schülerin selbst regelmäßig dort zu Gast. „Ich weiß noch, wie ich in der Küche stand und Brötchen schmierte, als irgendwer in der Etage über uns auf dem Boden herumhüpfte – mit dem Resultat, dass mein Käsebrötchen mit abgebröckeltem Putz garniert war.“ Die Räume mussten geschlossen werden, aber ein Ersatz war nicht in Sicht. „So kam es zur ersten und einzigen Demo in Meinerzhagen, an die ich mich überhaupt erinnern kann“, erzählt Silke Stöhr weiter: „Wir wollten einen neuen Treff, und dafür sind wir auf die Straße gegangen.“ Das war 1982. Seitdem ist es, in guter Nachbarschaft zur Musikschule, in dem dreistöckigen Gebäude untergebracht.

Silke Stöhr aber ging nach dem Abi erst einmal nach Siegen, wo sie Soziale Arbeit studierte. Ob ihre Jahre im Jugendzentrum mit der späteren Berufsentscheidung zu tun hatten? Bestimmt, und schon bald, nach einer Anstellung in Lüdenscheid, zog es sie wieder nach Meinerzhagen, zurück zu den eigenen Wurzeln. Sie bewarb sich auf eine offene Stelle im Jugendzentrum, offenbar mit Erfolg: Die Stelle gehörte ihr, und wie schon zu eigenen Jugendzeiten ist Silke Stöhr seitdem nicht mehr aus dem Jugendzentrum wegzudenken. Seit knapp 20 Jahren leitet sie die Einrichtung inzwischen.

Markenzeichen: Pragmatismus und Empathie, Offenheit und klare Ansprache

Heute gibt es Angebote für alle Altersgruppen. Das Kinderprogramm wendet sich an Grundschüler, der Teenie-Treff hat Bastel-, Sport-, Koch- und Kreativangebote für Acht- bis Zwölfjährige im Gepäck und der offene Treff für die Älteren beginnt am späten Nachmittag. Um 18.00 Uhr ist für alle Schluss, die zwölf und jünger sind, dann ist das Jugendzentrum für die Älteren reserviert. Um 21.00 Uhr schließlich gehen die Lichter aus. „Natürlich wandeln sich die Zeiten“, resümiert Silke Stöhr. „Der Sprachgebrauch hat sich zum Beispiel stark geändert. Wir haben eine Schimpfwortkasse, über die viele lachen. Aber wenn man das erste Mal eingezahlt hat, dann achtet man schon mehr darauf, was man sagt.“ Auch ein Pfandsystem für Geschirr musste über die Jahre eingeführt werden, weil viele sich fürs Aufräumen und Wegbringen nicht zuständig fühlen. Am meisten macht Silke Stöhr aber die Gleichgültigkeit mancher Jugendlicher zu schaffen, die gar nicht mehr wissen, was sie unternehmen können und wollen. „Heutzutage ist alles möglich, man kann so viel machen und wird gleichzeitig so von den sozialen Medien abgelenkt, dass sich schon eine gewisse Lethargie breitmacht. Dass der Schultag immer länger wird, kommt da noch obendrauf.“ Trotzdem bleibt Silke Stöhr Optimistin. „Wir sind halt als Jugendzentrum gefragt, ganz konkrete Angebote zu machen und zu zeigen, wie schön es in der Gemeinschaft sein kann. Die Aufgaben verändern sich zwar, aber diese Verantwortung als solche hatten wir schon immer. Und der Spaß, der ist auch noch genauso groß wie vor dreißig Jahren.“

Zweites Zuhause für die Jugend, Lebenswerk für Silke Stöhr

Zwei hauptamtlich Beschäftigte, eine Jahrespraktikantin, ein Azubi und viele ehrenamtliche Jugendliche helfen, den Betrieb am Laufen zu halten – das gilt auch für den Jugendtreff Valbert, in dem ebenfalls viele Angebote für Kinder und Jugendliche die Woche verschönern. „Es ist einfach klasse zu sehen, wie die Kinder groß werden. Wenn wir sie dabei ein Stück begleiten, wenn wir ihnen eine feste Anlaufstelle bieten und so etwas wie Werte mit auf den Weg geben können, dann ist das das Beste, was ich machen kann.“ Offenbar sehen das viele ihrer „Kunden“ ähnlich: So mancher frühere Gast schaut immer wieder rein und hilft schon mal bei Festen und Veranstaltungen aus.

Wenn schließlich gegen 21.30 Uhr die Tür ins Schloss fällt, endet auch der Arbeitstag von Silke Stöhr. Da bleiben für eigene Freizeitaktivitäten eigentlich nur das Wochenende und die Vormittage, aber das nimmt sie gerne in Kauf. Dann ist sie ebenso kreativ wie bei der Arbeit; zurzeit sind selbstgenähte Taschen aus Fahrradschläuchen eine ihrer Leidenschaften. Wenn sie eine längere Auszeit braucht, fährt sie an die See und sammelt dort Treibholz, Steine und Muscheln, die sie daheim zu schönen Dingen weiterverarbeitet. „Ich liebe dieses Leben“, fasst sie zusammen. „Meine Arbeit ist mit vielen Herausforderungen verbunden, aber sie hält jung. Die Entwicklung der jungen Menschen zu verfolgen – egal, wie viele Kurven sie auf ihrem Weg nehmen – bereichert mein eigenes Leben ungemein. Das möchte ich nicht missen.“

Die Fotos und selbstgestalteten Leinwände in Silke Stöhrs Büro sprechen Bände. Jedes erzählt eine dieser Geschichten, und sie sind Spiegel ihrer eigenen Geschichte. Dabei sucht man lange nach einem Foto von Silke Stöhr. Aber das ist auch nicht wichtig, denn sie ist ohnehin die Seele des Jugendzentrums. Das merkt man, sobald man durch die schwere Tür ins Innere kommt, und dieses Gefühl nimmt man ganz einfach mit.