Bildercollage aus Meinerzhagen
Bild Inti Huatana - Rastplatz der Sonne - von Antonio Maro

Informationen zu "Inti huatana"


Der Bildtitel stammt aus der Ketschua-Sprache und bedeutet in genauerer Übersetzung "Platz an dem die Sonne festgemacht ist" oder "Platz an dem die Sonne ihre Ruhe gefunden hat".
Solche "Inti huatana", Orte an denen der Sonnenstand von den Sonnenpriestern beobachtet wurde, um die Zeiten für Aussaat, Ernte, Sonnenwendfeiern, das Sonnenfest u.ä. festzustellen, finden sich noch in Machu Picchu, in Pisac.

1. Wie kam es zu dem Bild:
Im Frühjahr 1978 wurde uns (dem Architekten Friedhelm Schuppert und mir) klar, dass die Fläche des Eisernen Vorhanges künstlerisch gestaltet werden musste, weil es viele Veranstaltungen in der Stadthalle geben würde, ohne Bühnennutzung, also bei geschlossenem Eisernen Vorhang.
Wir dachten an den Lüdenscheider Kunstschmied Neumann, haben dann aber den Kreis "Freunde der bildenden Kunst" eingeschaltet. Über das Mitglied Dr. Podzschus kamen wir zu dessen Bruder, der in Düsseldorf eine Galerie betrieb und Antonio Máro vertrat. Der schlug Herrn Máro vor, "weil der gerne in großen Formaten arbeitet". Der Vorschlag gefiel, auch weil von diesem Künstler aus einer Ausstellung, die der o.g. Kreis im Jahr vorher in der Spadaka veranstaltet hatte, Bilder gekauft worden waren und wir deshalb glaubten, "dieser Künstler kommt an". Der Bauausschuss der Stadthallen GmbH –des Bauherrn- war einverstanden. Wir haben uns gemeinsam in der Düsseldorfer Galerie Arbeiten von Máro angesehen, einschließlich einem "Entwurf" und haben den Auftrag vergeben.
Die Promabestplatten wurden mit Malerleinwand tapeziert. Das Farbmaterial wurde neben dem Honorar finanziert.
Máro hat nachts gearbeitet, weil er ungestört arbeiten wollte und weil tagsüber Baustellenbetrieb war. Er bekam einen Schlüssel, damit er kommen und gehen konnte, wie er wollte.
Das Honorar wurde bezahlt aus einem Konto, das leitende Angestellte und die Stadt für Herrn Hans-Joachim Fuchs anlässlich eines runden Geburtstages eingerichtet hatten und das er "für künstlerische Gestaltung in oder um die Halle" gestiftet hatte. (20.000 DM) Das Material wurde aus dem Baukonto finanziert.


2. Der Künstler Antonio Máro:
Zum Verständnis des Bildes ist es gut, etwas über die Biografie zu wissen.
Antonio Máro / Apoll Ramirez wurde als Sohn einer Ketschua sprechenden Indigena und eines Vaters mit spanischen Vorfahren in Catacaos, einem Fischerort im Norden Perus 1928 geboren. (Ein Onkel war Priester und Sammler indigener Antiquitäten.)
Die große Bevölkerungsmehrheit in dem Ort sind Ketschua-Indigena, die –obwohl Christen- noch stark in der alten Inka-Mythologie verankert sind. Er hat also als Kind bereits diese Mythologie in sich aufgenommen.
Als kleiner Junge ist er –wie auch immer- in den Besitz eines Bildes von Willi Baumeister gekommen. Das war neben einer Schallplatte mit klassischer Klaviermusik sein ganzer Stolz und hat ihn veranlasst sich selbst malend zu betätigen.
Die Familie ist später nach Lima gezogen. Die Eltern haben dort eine Apotheke betrieben.
In Lima begann Apoll Ramirez das ernsthafte Studium der Malerei bei Ricardo Grau, einem gebürtigen Belgier, an der Kunstakademie.
Die Eltern, besonders der Vater, waren von diesen Neigungen gar nicht begeistert und versuchten ihr Kind mit allen Mitteln davon abzubringen.
Sie nötigten ihn letztlich zum Studium der Medizin. (Er sollte einen Beruf ergreifen, der ihn auch wirtschaftlich sichern würde.) Innerhalb dieses Studiums bekam er ein Stipendium zum Studium in Deutschland. Er kam also in das noch vom Krieg verwüstete Deutschland, studierte Medizin und nebenbei an der Kunstakademie in Stuttgart bei Willi Baumeister.
Bereits dort entwickelte er seine Maltechnik, der Contraplanos, Gegenebnen = übereinander gelegte Farbschichten, die durchscheinen und die er mit Chemikalien teilweise wieder wegtupft. Diese Technik ist auch in unserem Bild an einigen Stellen sehr deutlich zu sehen. Dadurch und durch das Abschatten an den Rändern der einzelnen Farbflächen bekommt das Bild für den Betrachter fast einen dreidimensionalen Charakter.

Der Medizinstudent bot –wohl um sein Taschengeld aufzubessern- seine Bilder Kommilitonen zum Kauf an. Wollte sich aber nicht als der Maler zu erkennen geben und erklärte deshalb, es seinen Bilder seines Freundes Antonio Máro. So entstand sein "Künstlername".

Sein Medizinstudium hat er mit Habilitation und der Ausbildung zum Frauenfacharzt abgeschlossen. Dr. Apoll Ramirez hat an der Uniklinik in Düsseldorf aber auch eine Zeitlang in Lima praktiziert. Er hat also eine lange Zeit quasi ein Doppelleben geführt, einmal der Arzt Dr. Apoll Ramirez und zum zweiten der Maler Antonio Máro.

3. Inhaltliche Aussage des Bildes "Inti huatana"
Um die Bildaussage zu verstehen, muss man ein wenig von der Mythologie der Inkas wissen:
Nach der Überlieferung wurde das Reich gegründet von zwei Geschwistern, Manco Capac und Mama Oclo, die von der Sonneninsel im Titicacasee kamen. Sie behaupteten, Kinder der Sonne zu sein und den Auftrag zu haben, ein Reich zu gründen, dessen Hauptstadt an der Stelle errichtet werden sollte, an der sie ihren Wanderstock in den Boden rammen könnten.

(Das könnte etwa um 1200 gewesen sein und der Name Inka hat sich zunächst auf eine kleine Gruppe von Familien, die um Cusco einen Kleinstaat bildeten, bezogen. Die Expansion –sowohl militärisch als auch durch geschickte Diplomatie- begann unter dem 9. Inka Pachacutek Yupanqui 1438.  Das Reich endete mit der Ermordung des Inka Manco Capac II im Jahr 1544.)

Der alleinherrschende Inka, galt als Nachkomme des Sonnengottes Inti. Der Inka wurde deshalb auch wie ein Gott verehrt. Nach dem Tode des Inka wurde seine Leiche in eine Hochstellung gebracht und durch trocknen mumifiziert. Diese Mumie wurde über und über mit Gold geschmückt und in einer Mauernische im Sonnentempel in Cusco aufgestellt.

Wenn wir nun in dem Bild die im Profil dargestellte Figur mit dem ausgeprägten Ohrschmuck sehen, dann dürfte das die Darstellung des toten Inka, Sohn von Inti, sein. Hier ist also der Platz, an dem die Sonne –in der Personifizierung ihres Sohnes, des Inka- ihre Ruhe gefunden hat.
Um diesen Bildmittelpunkt herum erkennen wir eine abstrahierte Inkaarchitektur. Die Inka bauten mit teilweise sehr großen, sehr oft polygonal gearbeiteten Steinblöcken. Diese Steinblöcke wurde ohne Mörtel aufeinander geschichtet. Sie verzahnten sich durch die vielen Kanten ineinander. Die Bauwerke erhielten dadurch Stabilität, konnten aber auch Erdbeben widerstehen, weil sie nicht starr waren.


4. Was hat ein Bild mit dieser Aussage in einem deutschen Kulturzentrum zu suchen ?
Das Anliegen sowohl der Persönlichkeit als auch des Künstlers Antonio Máro ist es, die gegenseitig sich bereichernde Wirkung von Kulturen  zu verdeutlichen.

Bei diesem Bild wird dieses Anliegen in dreifacher Weise deutlich:

  • Das Thema entstammt einer vorkolumbianischen Hochkultur, die von den kolonialisierenden Europäern vernichtet wurde aber heute noch vielen Menschen in Südamerika Selbstwertgefühl gibt. Die Art der Ausführung des Bildes ist europäische Tradition.
  • Er bereichert die europäische Farbpalette um metallische Farben. Sie entstammen den Farbeindrücken in großen Teilen der Anden, die vulkanisch geprägt sind. Die mächtigen Magmaschichten mit ihren unterschiedlichen Metalleinschlüssen haben durch die Korrosion eine großartige Farbpalette entwickelt. Farbeindrücke in dieser Form findet man in Europa nicht.
  • Die Maltechnik des Contraplano ist ebenfalls auf Eindrücke in der Landschaft des Altiplano zurückzuführen. Hier werden die erdfarbenen Flächen durch Ichugrasbündel und einzelne Dornensträucher unterbrochen. Die Flächen sind nicht monochrom. Und auch diesen Farbeindruck musste er in seine Malerei aufnehmen und sie der europäischen Kunst einfügen.

(Antonio Máro hat fast alle Arbeiten, die vor dieser "Entdeckung" entstanden sind rigoros zerstört, weil sie für ihn nicht "gültig" waren.)

 

Text: Hermann-Josef Lobner

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